Traum Liebe

22. Juli 2008

Glaube, Liebe, Hoffnung - Clausewitz in der Vorstadt

Abgelegt unter: Allgemein — admin @ 16:08

> > Ich kann Dir in allem, was Du hier ausführst, im Wesentlichen
> > zustimmen. Aber ich denke dennoch, daß die Masse dumm ist und wir
> > Beide nur ein Mißverständnis haben. Wenn ich von Masse spreche, dann
> > meine ich jene Masse, in der eben durch gruppendynamische Zwänge das
> > Individuum eher mehr als weniger unter geht. “Dumm” ist in diesem
> > Zusammenhang ja auch eine Bezeichnung von Trägheit im weitesten Sinne
> > (also auch geistige Trägheit). Die Lenkung einer solchen Masse ist
> > wirklich relativ einfach, wenn man die richtigen psychologischen
> > Mechanismen einsetzt. Wie leicht fällt allein den Massen-Medien, die
> > Völker zu verblöden.
>
> Das ist wohl mehr eine Begriffsverwirrung. Dumm ist nach meiner
> Ansicht halt einfach dumm und das lohnt kein weiteres Wort, da kannst
> du hundert Jahre auf einen penguinwarrior einreden. Wenn es um
> mangelnde Reflektion geht, dann habe ich auch die Möglichkeit zum
> Dialog oder zur Interaktion, hier setzt meinem Dünkel nach die
> Massenmanipulation an, die immer auf bereits vorhandene grobe
> Assoziationen aufsetzt. Ein Problem ist halt, daß die Banlieue-Kids
> im Moment derart aufgeheizt sind, daß du höchstens mit ihnen in
> Kontakt kommst, wenn du ihnen den Molli anzündest und unser Problem
> ist, daß mit so was nur Nazis und Islamisten kein Problem haben. Das
> ist bei den marginalisiserten Gruppen bei uns noch nicht so, also auf
> die Maus.
Wie gesagt: Dummheit hat für mich etwas mit geistiger Trägheit zu
tun, und eben deshalb gelingt es ja der Massenmanipulation, auf
vorhandene grobe Assoziationen zu setzen. Natürlich hast Du recht,
daß man mit den Banlieu-Kids momentan nicht mehr vernünftig ins
Gespräch kommt. Ich würde allerdings den Kreis Nazis und Islamisten
hier durchaus erweitern auf die, welche sich in den etablierten
Parlamentsparteien die Unruhen zunutze machen werden, und zu denen
zählt natürlich an erster Stelle die Partei Sarkozys und die
Geheimdienste. Die werden sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen,
die Unruhen zur Gesetzverschärfung gegen alle Franzosen zu nutzen, so
wie es Blair in GB macht oder Schily bei uns. Und sie werden die
rechtsextremen Parteien und Islamisten zur Polarisierung der
Gesellschaft nutzen.
> > Aber Dein Bezug auf “1984″ ist insofern noch aufschlussreicher, als
> > ja eines der wichtigsten Momente zur Lenkung jeder totalitären
> > Gesellschaft, wie sie auch Orwell beschreibt, die Angst ist! Ich sehe
> > daher auch nicht, inwiefern es ein Werk über den Vorabend einer
> > Revolution ist. Im Gegenteil ist es ja die Angst, die den Widerstand
> > durch die Liebe bricht und das Liebespaar wieder der Masse konform
> > macht, in der es schließlich wieder verschwindet. Das Ende ist sehr
> > pessimistisch. Das Individuum wird durch die Angst der Masse gefügig
> > gemacht. Wo diese Massenhypnose nicht wirkt, wird mit Folter
> > nachgeholfen. Und die revolutionäre Situation (wenn die Oben nicht
> > mehr können und die Unten nicht mehr wollen) sehe ich hier auch
> > nicht?
>
> Nun wäre es infam, George Orwell einfach irgendwas in den Mund zu
> legen, ohne gleich Zitate hinzublättern. Dazu hat er sich auch noch
> sehr pessimistisch geäußert. Aber vom literarischen Werk her handelt
> es sich nun mal um eine Fiktion und der böse Schluß ist ein
> dramaturgisches Mittel und keine Wahrheit.
Natürlich, aber es ist eine düstere Zukunftsfiktion. Sicher schreien
die beschriebenen Zustände dieser 1984-Gesellschaft nach Revolution,
liest man sozusagen den inneren Verfall dieser Gesellschaft mit,
ähnlich wie bei Huxleys “Schöne neue Welt”. Beide Romane sind eine
deutliche Gesellschaftskritik gegen die heute herrschende Demokratie
als Vorläuferin des Faschismus, wenn sie dem Kapital restlos
ausgeliefert wird. Insofern sehe ich weniger in diesen Romanen selbst
die Beschreibung einer vorrevolutionären Situation, als vielmehr die
Mahnung an den Leser, die eigene, reale und nicht fiktive
revolutionäre Situation zu erkennen, welche allerdings nicht von
Unten gegen Oben, sondern von Oben gegen Unten angestrebt wird.
> Schließlich ist die
> Freiheit der Interpretation das Recht eines jeden Lesers und Element
> der Literatur an sich.
Da kann ich Dir nur zustimmen und mache daher auch von diesem Recht
Gebrauch.
> Die Reaktion sämtlicher Leser, die ich kenne,
> war immer in etwa in meinem Sinne und die Jahreszahl war einst mal
> das absolute Synonym für den Abwehrkampf gegen eine Entwicklung in
> die Richtung und ist es heute nur noch teilweise, weil sich das Datum
> überholt hat. Reale Systeme die der im Buch geschilderten Diktatur
> gleich kommen gab es, doch sobald pragmatische Boni ausblieben, half
> alle Propaganda nicht mehr. Die alten Wochenschauen täuschen gut am
> teilweise dramatischen Verfall der “Heimatfront” im letzten
> Kriegsjahr hinweg, als die Landser an der Kriegsfront lieber bis zum
> Untergang vorm Feind davon liefen, die Sowjets konnten sich später
> weder mit Sputniks noch mit KGB retten, als die Firma pleite war und
> die Demokratur ist auch schon ganz fahl im Gesicht. Das die Liebe an
> sich in dem Buch so stark thematisiert wird, treibt einen so richtig
> in diese antagonistische Stimmung hinein. Ich glaube nicht, daß der
> “Big-Brother-Staat” ein tausendjähriges Reich wäre und garantiere
> dir, daß es in China nicht zu einem Durchmarsch des phantastischen
> “Kommutalismus” kommt, sondern zu einer ganz bösen Überraschung für
> die Eliten.
Naja, ich kann und will Dir hier gar nicht widersprechen, denn es ist
Deine Interpretation. Für mich steht die Liebe hier für den krasse
Gegensatz zum Kollektivismus und für den eigentlichen Kampf um die
Freiheit, die sich nicht, wie in unserer existierenden
kapitalistischen Gesellschaft als schrankenloser Individualismus
äußert, sondern eben als eine “Verschwörung der Liebe”. Nur sie hat
die Kraft, der Angst eine zeitlang zu widerstehen, welche die
Menschen in den Kollektivismus treibt. Und mit ihr kommen die Kräfte
des Glaubens und der Hoffnung. Für Faschismus, Kapitalismus und
Militarismus ist und bleibt die Liebe die gefährlichste Subversion,
weil sie nicht zu kontrollieren und folglich zu kollektivieren ist,
außer eben durch die Furcht (wohlgemerkt!-zu kontrollieren, nicht zu
verhindern). Insofern ist natürlich die Liebe selbst in diesem Roman
die Metapher für eine revolutionäre Situation von Unten, die sich
irgendwann einfach erfüllen muß, wie das Naturgesetz, welches
letztlich immer über das geistige Gesetz siegen wird, weil die
Schöpfung dem Geist überlegen ist. Das ist die tiefere Ursache,
welche die revolutionären Situationen immer bewegen wird. Deshalb ist
die permanente Revolution des Lebens die Liebe und gleichzeitig die
Metapher für das Opfer.
> Aber ja: glauben heißt in dem Fall auch bloß hoffen.
Womit wir beim alten Paulus wären: Glaube, Liebe, Hoffnung, aber die
Liebe ist die stärkste unter ihnen, weil sie eben nicht geistiger
Natur ist. Das wäre die Welt der Liebenden im Roman. Gleichzeitig
findet man in diesem Roman aber auch die alte Philosophie von
Empedokles und Lucrez, für die die einzige reale Göttin Venus ist und
das höchste Naturgesetz des Lebens Liebe und Kampf, welche
unmittelbar zusammengehören, wie Venus und Mars. Aber das führt jetzt
vielleicht zu weit in die mythologischen Hintergründe.

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack-URL

Einen Kommentar hinterlassen

You must be logged in to post a comment.

läuft stressfrei mit WordPress ( WordPress.de )